Vitamin D und Stimmung im Winter: Was die Studienlage wirklich zeigt
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Evidence Review · Mentale Gesundheit
Vitamin D und Stimmung im Winter: Was die Studienlage wirklich zeigt
Winterdepression, SAD und Vitamin D im Evidenz-Check
TL;DR
Eine aktuelle Meta-Analyse aus 20 randomisierten Studien fand einen moderaten Effekt von Vitamin D auf depressive Symptome (SMD −0,36), eine größere Dosis-Wirkungs-Analyse mit über 24.000 Teilnehmenden bestätigt einen kleineren, aber konsistenten Effekt. Für die spezifische Winterdepression (SAD) ist die Evidenz jedoch deutlich schwächer: Die bislang aussagekräftigste randomisierte Studie fand keinen signifikanten Unterschied zu Placebo. Lichttherapie bleibt laut S3-Leitlinie die Behandlung erster Wahl bei saisonaler Depression.
Was ist die Winterdepression – und was ist nur ein „Winterblues"?
Die saisonal abhängige Depression, im Englischen Seasonal Affective Disorder (SAD) genannt, ist eine klinisch definierte Unterform der Depression, die einem wiederkehrenden saisonalen Muster folgt – typischerweise mit Beginn im Herbst und Besserung im Frühjahr. Charakteristisch sind neben gedrückter Stimmung und Antriebslosigkeit auch atypische Symptome wie ein verlängertes Schlafbedürfnis, verstärkter Appetit auf Kohlenhydrate und Gewichtszunahme – ein Symptombild, das sich von vielen anderen Depressionsformen unterscheidet.
Wichtig ist die Abgrenzung zum umgangssprachlichen „Winterblues": Ein vorübergehendes Stimmungstief, weniger Energie oder eine leicht gedrückte Grundstimmung in den dunklen Monaten erleben viele Menschen, ohne dass die klinischen Kriterien einer saisonalen Depression erfüllt sind. Erst wenn die Symptome über mindestens zwei aufeinanderfolgende Winter auftreten, den Alltag spürbar beeinträchtigen und einem klaren saisonalen Muster folgen, sprechen Fachleute von einer diagnostizierbaren SAD. Zur Absicherung der Diagnose werden standardisierte Fragebögen wie der Seasonal Pattern Assessment Questionnaire (SPAQ) eingesetzt.
Wie häufig ist die Winterdepression in Deutschland wirklich?
Die Angaben zur Häufigkeit schwanken in der Literatur spürbar – ein Umstand, der selten offen benannt wird. Während einige Quellen von einer Jahresprävalenz von 2 bis 4 Prozent in der Allgemeinbevölkerung ausgehen, nennen andere Schätzungen 1 bis 3 Prozent für die klinisch diagnostizierte Form. Frauen sind nach übereinstimmenden Angaben etwa dreimal häufiger betroffen als Männer, und die depressive Verstimmung tritt am häufigsten um das 30. Lebensjahr herum erstmals auf.
Diese Schwankungsbreite liegt unter anderem an unterschiedlichen diagnostischen Kriterien und Erhebungsmethoden zwischen Studien – ein Grund, mit einer einzelnen Prozentzahl vorsichtig umzugehen, statt sie als feststehende Tatsache zu präsentieren. Milder ausgeprägte, subklinische Stimmungsschwankungen im Winter werden in manchen Erhebungen zusätzlich getrennt erfasst und fallen entsprechend höher aus als die Zahlen für die eigentliche klinische SAD-Diagnose.
Warum wird Vitamin D überhaupt mit der Stimmung in Verbindung gebracht?
Der Zusammenhang basiert auf mehreren biologischen Beobachtungen. Vitamin-D-Rezeptoren finden sich in Hirnregionen, die an der Stimmungsregulation beteiligt sind, und Vitamin D ist an der Synthese von Serotonin beteiligt, einem Botenstoff, der eng mit Stimmung und Antrieb verknüpft ist. Da die körpereigene Vitamin-D-Bildung über die Haut im Winterhalbjahr durch den niedrigen Sonnenstand in Deutschland stark eingeschränkt ist, sinkt der Vitamin-D-Spiegel bei vielen Menschen genau in der Jahreszeit, in der auch depressive Symptome gehäuft auftreten. Diese zeitliche Übereinstimmung ist jedoch zunächst nur eine Korrelation – ob ein niedriger Vitamin-D-Spiegel tatsächlich Ursache der saisonalen Stimmungsveränderung ist oder beide Phänomene lediglich denselben saisonalen Auslöser (weniger Tageslicht) teilen, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt.
Was die aktuelle Studienlage zu Vitamin D und Depression zeigt
Ein Forschungsteam um Wang, Su und Liu wertete in einer 2025 veröffentlichten Meta-Analyse 20 randomisierte, kontrollierte Studien zu Vitamin D und depressiven Symptomen aus. Das Team fand einen moderaten, statistisch signifikanten Effekt der Supplementierung auf depressive Symptome allgemein (standardisierte Mittelwertdifferenz SMD −0,36; 95-%-Konfidenzintervall −0,52 bis −0,20; p<0,00001).
→ Quelle: Wang, Su, Liu et al., Meta-Analysis of the Effect of Vitamin D on Depression (2025)
Eine noch umfangreichere Dosis-Wirkungs-Metaanalyse von Ghaemi und Kollegen, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Psychological Medicine, wertete 31 randomisierte Studien mit insgesamt über 24.000 Teilnehmenden aus und fand einen Effekt von SMD −0,32 pro zusätzlichen 1.000 Internationalen Einheiten (I.E.) Vitamin D pro Tag – der Effekt fiel bei Teilnehmenden mit bereits bestehenden depressiven Symptomen mit SMD −0,57 deutlich ausgeprägter aus als in der Allgemeinbevölkerung.
Für die spezifische Winterdepression liefert die randomisierte Studie von Frandsen und Kollegen die bislang aussagekräftigste direkte Evidenz: 34 Teilnehmende aus dem Gesundheitswesen erhielten über 12 Wochen im Winter entweder 70 Mikrogramm Vitamin D täglich oder Placebo. Beim primären Endpunkt, dem SIGH-SAD-Score, zeigte sich zwischen den Gruppen kein statistisch signifikanter Unterschied.
| Studie | Design | Ergebnis | Einordnung |
|---|---|---|---|
| Meta-Analyse, Wang/Su/Liu 2025 | 20 RCTs, gepoolt | SMD −0,36 (95%-KI −0,52 bis −0,20; p<0,00001) | Moderater, statistisch signifikanter Effekt auf depressive Symptome allgemein |
| Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse, Ghaemi et al. 2024 | 31 RCTs, n = 24.189 | SMD −0,32 pro 1.000 I.E.; stärker bei bereits depressiven Teilnehmenden (−0,57) | Effekt scheint dosisabhängig und bei bestehenden Symptomen ausgeprägter |
| Frandsen et al. 2014 (SAD-spezifisch) | RCT, n = 34 abgeschlossen, 70 µg/Tag, 12 Wochen Winter | Kein signifikanter Unterschied beim primären Endpunkt (SIGH-SAD) zu Placebo | Kleine Stichprobe, spezifisch für SAD keine überzeugende Wirksamkeit belegt |
Diese drei Ergebnisse zusammen zeigen ein differenziertes Bild: Für depressive Symptome allgemein gibt es über mehrere große Meta-Analysen hinweg einen reproduzierbaren, wenn auch moderaten Effekt von Vitamin D. Für die spezifische Winterdepression, bei der Lichtmangel eine zentralere Rolle spielt als bei anderen Depressionsformen, ist die direkte Evidenz für Vitamin D deutlich dünner und die bislang aussagekräftigste Studie fand keinen signifikanten Effekt. Eine Übertragung der allgemeinen Depressions-Evidenz auf SAD ist daher nicht ohne Weiteres zulässig.
Wie funktioniert Lichttherapie eigentlich?
Bei der Lichttherapie sitzt die betroffene Person täglich, meist morgens, für 20 bis 40 Minuten vor einer speziellen Tageslichtlampe mit einer Beleuchtungsstärke von in der Regel 10.000 Lux – ein Vielfaches der Helligkeit einer normalen Innenraumbeleuchtung, die meist nur 300 bis 500 Lux erreicht. Das helle Licht wirkt über die Netzhaut auf den Hypothalamus und beeinflusst darüber die innere Uhr sowie die Ausschüttung von Melatonin und Serotonin. Erste Effekte zeigen sich bei vielen Anwenderinnen und Anwendern bereits nach wenigen Tagen bis zwei Wochen konsequenter Anwendung. Anders als eine Nahrungsergänzung wirkt Lichttherapie direkt auf den vermuteten Auslösemechanismus der SAD, den Lichtmangel selbst – ein Grund für die im Vergleich zu Vitamin D deutlich robustere Studienlage.
Wie lange sollte man eine Vitamin-D-Einnahme im Winter testen, bevor man Rückschlüsse zieht?
Da der Vitamin-D-Spiegel im Blut nur langsam ansteigt, empfehlen die meisten der oben genannten Studien einen Beobachtungszeitraum von mindestens acht bis zwölf Wochen, bevor eine Wirkung auf Stimmung oder Wohlbefinden überhaupt beurteilbar ist. Ein Effekt lässt sich zudem realistischerweise nur einordnen, wenn andere Einflussfaktoren wie Schlaf, Bewegung und Tageslichtexposition im Beobachtungszeitraum einigermaßen konstant bleiben. Wer nach wenigen Tagen bereits eine spürbare Stimmungsverbesserung erwartet, überschätzt die pharmakologische Wirkgeschwindigkeit eines Nährstoffs, der primär langfristige physiologische Prozesse unterstützt.
Wer trägt ein erhöhtes Risiko für saisonale Stimmungstiefs?
Bestimmte Gruppen berichten überdurchschnittlich häufig von saisonalen Stimmungsveränderungen. Dazu zählen Menschen mit überwiegender Innenraumtätigkeit und wenig Tageslichtexposition, Schichtarbeitende mit unregelmäßigem Tag-Nacht-Rhythmus sowie Personen, die in nördlicheren Breitengraden mit besonders kurzen Wintertagen leben. Auch eine familiäre Vorbelastung mit Depressionen oder saisonalen Stimmungstiefs gilt als Risikofaktor. Wer zu einer dieser Gruppen gehört und im Winter wiederkehrend Symptome bemerkt, profitiert häufig besonders von einer frühzeitigen, proaktiven Kombination aus mehr Tageslicht im Alltag und, bei Bedarf, professioneller Unterstützung.
Wie wird ein Vitamin-D-Mangel überhaupt festgestellt?
Ein Vitamin-D-Mangel lässt sich zuverlässig nur durch eine Blutuntersuchung feststellen, bei der der Calcidiol-Wert (25(OH)D) im Serum gemessen wird. Werte unter 30 nmol/l gelten allgemein als Mangel, Werte zwischen 30 und 50 nmol/l als suboptimale Versorgung, während ab 50 nmol/l von einer ausreichenden Versorgung für die Knochengesundheit ausgegangen wird. Ein spezifischer Schwellenwert, ab dem sich ein Mangel gezielt auf die Stimmung auswirkt, ist wissenschaftlich nicht etabliert – die Studien zu Vitamin D und Depression verwendeten unterschiedliche Ausgangswerte und Dosierungen, was den Vergleich zusätzlich erschwert. Wer unsicher ist, ob ein Mangel vorliegt, sollte den Wert über die Hausarztpraxis bestimmen lassen, statt allein anhand von Symptomen zu vermuten.
Was fanden Forschende der Universität Warwick?
Ein Forschungsteam der Universität Warwick kam in einer Auswertung von Beobachtungsdaten zu einem gegensätzlichen Schluss: Es fand keinen klaren Zusammenhang zwischen dem gemessenen Vitamin-D-Spiegel im Blut und dem Vorliegen einer Depression.
Diese Diskrepanz zwischen Interventionsstudien (die eine Supplementierung testen) und Beobachtungsstudien (die nur den Blutspiegel mit der Stimmung korrelieren) ist in der Ernährungsforschung nicht ungewöhnlich und unterstreicht, warum einzelne Studien selten die gesamte Evidenzlage widerspiegeln.
Lichttherapie: die eigentliche Erstlinien-Behandlung laut Leitlinie
Für die klinisch diagnostizierte Winterdepression ist nicht Vitamin D, sondern die Lichttherapie die am besten belegte Behandlungsoption. Die S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, erarbeitet von den zuständigen deutschen Fachgesellschaften, empfiehlt mit Empfehlungsgrad A, dass Lichttherapie bei Patientinnen und Patienten mit leicht- bis mittelgradigen depressiven Episoden, die einem saisonalen Muster folgen, erwogen werden soll.
→ Quelle: S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Bayerisches Ärzteblatt
Alternativ gilt die Gabe eines selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmers (SSRI) als etablierte Therapieoption. Diese beiden Ansätze verfügen über eine deutlich robustere Evidenzbasis für SAD als eine Vitamin-D-Supplementierung.
Wichtige Einordnung
Bei anhaltender gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit oder anderen Anzeichen einer Depression über mehrere Wochen ist eine Abklärung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine Psychotherapiepraxis der richtige erste Schritt – unabhängig von der Jahreszeit. Vitamin D kann eine sinnvolle Ergänzung der allgemeinen Nährstoffversorgung sein, ersetzt aber keine Diagnostik oder etablierte Behandlung einer klinischen Depression.
Für wen kann eine Vitamin-D-Zufuhr im Winter trotzdem sinnvoll sein?
Unabhängig von der Stimmungsfrage bleibt Vitamin D ein Nährstoff mit anerkannter Bedeutung für Immunsystem, Muskelfunktion und Knochengesundheit – Bereiche, in denen die EFSA-autorisierten Aussagen deutlich besser belegt sind als für die Stimmung. Da die körpereigene Bildung zwischen Oktober und März in Deutschland stark eingeschränkt ist, erreichen viele Menschen die von der DGE empfohlene Zufuhr von 800 bis 2.000 I.E. pro Tag nicht allein über die Ernährung. Wer eine gezielte Unterstützung sucht, kann je nach individuellem Bedarf zwischen Tropfen und Kapseln mit unterschiedlicher Dosierung wählen.
| Produkt | Dosierung | Form | Preis |
|---|---|---|---|
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Produkt ansehenÜber Vitamin D hinaus: Welche anderen Nährstoffe werden mit Stimmung in Verbindung gebracht?
Vitamin D ist nicht der einzige Nährstoff, der in der Forschung zu saisonalen Stimmungsschwankungen diskutiert wird. Omega-3-Fettsäuren, insbesondere EPA, werden in einigen Studien mit einer Unterstützung der Stimmungsregulation in Verbindung gebracht, wobei auch hier die Studienlage insgesamt heterogen bleibt und einzelne Studien uneinheitliche Ergebnisse liefern. Magnesium wird eine Rolle bei der Stressregulation und Schlafqualität zugeschrieben, zwei Faktoren, die indirekt auch die Stimmung beeinflussen können.
B-Vitamine, insbesondere B6, B9 und B12, sind an der Synthese von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin beteiligt, weshalb ein tatsächlicher Mangel dieser Vitamine mit depressiven Symptomen assoziiert sein kann. Wichtig ist auch hier: Diese Zusammenhänge belegen in erster Linie, dass ein bestehender Mangel korrigiert werden sollte – sie sind kein Beleg dafür, dass eine Supplementierung bei bereits ausreichender Versorgung zusätzliche Stimmungsvorteile bringt. Wer mehrere dieser Nährstoffe gleichzeitig ausgleichen möchte, sollte auf eine sinnvolle Kombination statt auf wahllose Einzeleinnahme achten und im Zweifel Rücksprache mit einer Ernährungsfachkraft oder der Hausarztpraxis halten.
Kann man Vitamin D auch über die Ernährung aufnehmen?
Nur wenige Lebensmittel enthalten nennenswerte Mengen an Vitamin D. Fetter Seefisch wie Lachs, Hering und Makrele zählt zu den ergiebigsten natürlichen Quellen, gefolgt von Eigelb und einigen Pilzsorten, die unter UV-Licht kultiviert wurden. In der Praxis liefert die Ernährung in Deutschland nach Einschätzung von DGE und Verbraucherzentrale jedoch selten mehr als 10 bis 20 Prozent des Tagesbedarfs, da die körpereigene Bildung über die Haut den weitaus größeren Anteil ausmacht – ein Anteil, der in den Wintermonaten praktisch entfällt. Wer im Winter weder ausreichend fetten Fisch isst noch durch Reisen in sonnenreiche Regionen zusätzliche UVB-Exposition erhält, erreicht die empfohlene Zufuhr in der Regel nur über eine gezielte Supplementierung.
Was außerdem gegen den Winterblues hilft
Neben Vitamin D und Lichttherapie zeigen mehrere alltagstaugliche Maßnahmen einen plausiblen Nutzen bei leichteren Stimmungsschwankungen im Winter, auch wenn sie nicht in jedem Fall spezifisch für SAD untersucht wurden. Regelmäßige Bewegung im Tageslicht, insbesondere in den hellsten Stunden am Vormittag oder Mittag, unterstützt sowohl den Schlaf-Wach-Rhythmus als auch die Stimmung. Ein fester Schlafrhythmus mit konstanten Aufsteh- und Einschlafzeiten hilft, die durch die kürzeren Tage gestörte innere Uhr zu stabilisieren. Soziale Kontakte und Aktivitäten wirken einer der Kernsymptome des Winterblues – dem sozialen Rückzug – aktiv entgegen, statt ihn zu verstärken.
Drei verbreitete Irrtümer über Vitamin D und Winterdepression
Irrtum 1: „Vitamin D heilt die Winterdepression." Die stärkste verfügbare Einzelstudie zu SAD (Frandsen et al.) fand keinen signifikanten Effekt auf den primären depressiven Endpunkt. Lichttherapie und gegebenenfalls eine medikamentöse Behandlung sind die belegten Erstlinien-Optionen.
Irrtum 2: „Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel beweist eine Winterdepression." Die Forschung der Universität Warwick fand keinen klaren Zusammenhang zwischen Blutspiegel und Depression – ein niedriger Wert allein ist kein diagnostisches Kriterium.
Irrtum 3: „Wer sich im Winter schlapp fühlt, hat automatisch SAD." Die klinische Diagnose erfordert ein wiederkehrendes saisonales Muster über mindestens zwei Winter sowie eine spürbare Alltagsbeeinträchtigung – ein einzelner müder Wintertag erfüllt diese Kriterien nicht.
Checkliste: Wann sollte man professionelle Hilfe suchen?
Die folgenden Anzeichen sprechen dafür, das Thema mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Psychotherapiepraxis zu besprechen, statt es allein mit Nahrungsergänzung anzugehen:
- Die gedrückte Stimmung oder Antriebslosigkeit besteht bereits seit mehreren Wochen.
- Das Muster tritt wiederkehrend in mehreren aufeinanderfolgenden Wintern auf.
- Alltag, Arbeit oder soziale Beziehungen sind spürbar beeinträchtigt.
- Schlaf, Appetit oder Gewicht verändern sich deutlich.
- Selbsthilfemaßnahmen wie mehr Tageslicht, Bewegung und ein stabiler Schlafrhythmus bringen über mehrere Wochen keine Besserung.
Häufig gestellte Fragen zu Vitamin D und Winterdepression
Hilft Vitamin D nachweislich gegen Winterdepression?
Für depressive Symptome allgemein zeigen mehrere Meta-Analysen einen moderaten Effekt. Für die spezifische Winterdepression (SAD) fand die aussagekräftigste Einzelstudie jedoch keinen signifikanten Unterschied zu Placebo.
Was ist der Unterschied zwischen Winterblues und klinischer Winterdepression?
Ein Winterblues ist ein vorübergehendes, mildes Stimmungstief. Eine klinische SAD erfordert ein wiederkehrendes saisonales Muster über mindestens zwei Winter und eine spürbare Alltagsbeeinträchtigung.
Wie häufig ist die Winterdepression in Deutschland?
Schätzungen schwanken zwischen 1 und 4 Prozent der Bevölkerung für die klinisch diagnostizierte Form, wobei Frauen etwa dreimal häufiger betroffen sind als Männer.
Was ist laut Leitlinie die beste Behandlung der Winterdepression?
Die S3-Leitlinie empfiehlt mit Empfehlungsgrad A die Lichttherapie bei leicht- bis mittelgradigen saisonalen depressiven Episoden, alternativ die Gabe eines SSRI.
Warum wird Vitamin D überhaupt mit Stimmung in Verbindung gebracht?
Vitamin-D-Rezeptoren finden sich in stimmungsrelevanten Hirnregionen, und Vitamin D ist an der Serotoninsynthese beteiligt. Zudem sinkt der Vitamin-D-Spiegel im Winter zeitgleich mit gehäuft auftretenden depressiven Symptomen.
Beweist ein niedriger Vitamin-D-Spiegel eine Depression?
Nein. Forschende der Universität Warwick fanden keinen klaren Zusammenhang zwischen Blutspiegel und Depression in Beobachtungsdaten.
Wie groß war die Studie, die Vitamin D speziell bei SAD untersuchte?
Die randomisierte Studie von Frandsen et al. schloss 34 Teilnehmende ab, die über 12 Wochen im Winter entweder 70 µg Vitamin D oder Placebo erhielten.
Was zeigt die größte Dosis-Wirkungs-Analyse zu Vitamin D und Depression?
Eine Analyse von 31 randomisierten Studien mit über 24.000 Teilnehmenden (Ghaemi et al.) fand einen Effekt von SMD −0,32 pro 1.000 I.E., stärker ausgeprägt bei bereits bestehenden depressiven Symptomen.
Wann sollte man bei Winterdepression professionelle Hilfe suchen?
Wenn die Symptome mehrere Wochen anhalten, sich wiederholt über mehrere Winter zeigen oder den Alltag spürbar beeinträchtigen, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll.
Kann man Vitamin D und Lichttherapie kombinieren?
Eine Kombination ist grundsätzlich möglich, da beide Ansätze unterschiedliche Wirkmechanismen haben; die Studienlage zur Wirksamkeit einer Vitamin-D-Ergänzung bleibt für SAD jedoch schwächer als für die Lichttherapie.
Wie erkennt man einen Vitamin-D-Mangel im Blut?
Ein Bluttest misst den 25(OH)D-Wert (Calcidiol). Werte unter 30 nmol/l gelten als Mangel, 30 bis 50 nmol/l als suboptimale Versorgung, ab 50 nmol/l als ausreichend für die Knochengesundheit.
Welche Lebensmittel enthalten viel Vitamin D?
Fetter Seefisch wie Lachs, Hering und Makrele sowie Eigelb und UV-behandelte Pilze zählen zu den ergiebigsten Quellen, decken in der Praxis aber meist nur einen kleinen Teil des Tagesbedarfs.
Fazit
Vitamin D zeigt in großen Meta-Analysen einen moderaten Effekt auf depressive Symptome im Allgemeinen, doch für die spezifische Winterdepression ist die Evidenz deutlich schwächer, und die aussagekräftigste Einzelstudie fand keinen signifikanten Effekt. Lichttherapie bleibt laut Leitlinie die belegte Erstlinien-Behandlung. Eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung ist dennoch sinnvoll für Immunsystem und Knochengesundheit – nur eben nicht als alleinige Antwort auf eine klinische Winterdepression.
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References & Scientific Citations
- Wang, Su, Liu et al. (2025). Meta-Analysis of the Effect of Vitamin D on Depression, PubMed
- Ghaemi et al. (2024). The Effect of Vitamin D Supplementation on Depression: A Systematic Review and Dose-Response Meta-Analysis of RCTs, Psychological Medicine
- Frandsen et al. (2014). Vitamin D Supplementation for Treatment of Seasonal Affective Symptoms in Healthcare Professionals: A Double-Blind RCT, BMC Research Notes
- Universität Warwick (CORDIS). Study Finds No Link Between Vitamin D Deficiency and SAD
- S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression — Bayerisches Ärzteblatt
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Referenzwert Vitamin D (800–2.000 I.E./Tag) — dge.de/wissenschaft/referenzwerte